Lerntempo oder “Die bunte Vielfalt”

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Nicht selten erlebe ich, dass sich Eltern oder erwachsene Schüler Gedanken darüber machen, ob ihr Kinder/sie selbst gut genug lernen, schnell genug lernen, geschickt genug sind…. Geige spielen ist eine ziemlich komplexe Tätigkeit, besonders zu Beginn gibt es für einen Anfänger viele neue Bewegungen zu koordinieren: ein ganzes Instrument muss auf der Schulter getragen werden. Auf der Schulter! Wie selten trägt man etwas auf der Schulter? Und dann muss man den Bogen “richtig” halten. Nicht irgendwie – man könnte doch einfach zugreifen! – Nein, der Bogen muss so gehalten werden wie es der Lehrer sagt. Inzwischen wandert die Geige schon wieder von der Schulter in Richtung Brustkorb. Und dann wären da noch die Finger. Ganze 10 Finger müssen müssen sortiert werden! 5 Finger am Bogen und 5 Finger am Griffbrett. Oh nein, schon wieder falsch, es greifen ja nur 4 Finger am Griffbrett – wie zählt man die nochmal ab? Warum zählt der Daumen nicht mit? Warum muss man die Hand so drehen, man käme doch auch von der anderen Seite an das Griffbrett? Wieso, ja wieso eigentlich muss der Daumen der Bogenhand immer rund sein? Und die anderen 4 Finger – locker und rund sollen sie sein und dabei soll man nicht den Bogen verlieren….nein den Bogen wird man nicht verlieren, dafür stört die Lehrerin jetzt schon wieder, dass man nicht gerade streicht. Ach ja und die Geige muss ja auf die Schulter……….WARUM gibt es eigentlich so viele Vorschriften? Ich wollte doch ein Instrument lernen um Spaß zu haben????

So oder so ähnlich wird sich so mancher Anfänger auf der Geige fühlen. Ja, aller Anfang ist schwer! Aber es lohnt sich! Kopf und Körper lernen automatisch, wenn man die Bewegungen wiederholt, dabei lernt jeder Körper und jeder Kopf anders! Jeder hat ganz unterschiedliche Begabungen, jedem fallen verschiedene Sachen leicht und schwer…..Kinder stört das zum Glück meist noch nicht, aber Erwachsene sind skeptisch. Besonders wenn sie selber ein Instrument erlernen. Kinder sind oft viel geduldiger mit sich selbst, geben sich Zeit, freuen sich über kleine Fortschritte, haben Spaß am ausprobieren. Erwachsene sind es oft gewohnt nach klarern Plänen zu arbeiten, sie setzen sich Pläne, haben Erwartungen und dann ist es schnell frustrierend zu sehen, dass es manchmal viele Wiederholungen braucht, bis ein Bewegungsablauf funktioniert, bis der Ton schön klingt, bis der Ton sauber ist, bis das Noten lesen klappt, die Finger dahin greifen wo sie hingreifen sollen…. Kinder zweifeln weniger, sie denken garnicht darüber nach ob sie es schaffen werden, ob sie es schnell genug schaffen werden. Erwachsene setzen sich Fristen – wenn es bis dann nicht funktioniert ist es wohl aussichtslos…

Ich habe bisher noch keine 2 Schüler gehabt, die auf die gleiche Weise gelernt haben. Das macht das Unterrichten auch so spannend, ich stelle mich auf jeden Schüler einzeln ein und muss auch manches mal experimentieren wenn ich etwas erklären möchte. Bei dem einen Schüler hilft dieser Hinweis und jene Übung, bei dem nächsten Schüler sieht das wieder ganz anders aus. Manche Schüler wissen genau was sie tun müssen, brauchen aber mit dem Körper länger bis er die Bewegungen automatisiert hat. Andere Schüler bewegen sich intuitiv, aber der Kopf ist schnell abgelenkt, oder das spielen im richtigen Rhythmus fällt schwer. Dann gibt es Schüler denen fällt vieles leicht was man zum Geige spielen braucht und es gibt Schüler denen fällt vieles schwer……….es gibt einfach alle nur denkbaren Kombinationen von Begabungen.

Nur das Ziel ist für alle gleich: das Instrument spielen lernen und selbst Musik gestalten können.  Aber schon stellt sich die nächste Frage: Wann KANN man es denn? Die Antwort stellt so manchen vielleicht nicht zufrieden: man ist nie fertig, man lernt sein Leben lang. Egal wie lange sie schon ein Instrument spielen, es gibt immer noch etwas an dem man üben, feilen, arbeiten kann. Ich würde es so beschreiben: Man KANN dann ein Instrument spielen, wenn man weis wie man das erreicht, was man erreichen will. Wenn ich weis, wie ich üben muss um ein Stück zu erlernen. Wenn ich WEIS, dass ich es mit meinem Üben schaffen werde. Das ist ein sehr beglückendes Gefühl – man weis was man kann und man weis wie man das erreicht was man noch nicht kann.

Sollten sie sich Sorgen machen, dass Ihr Kind nicht die Hilfe vom Lehrer/ von der Lehrerin bekommt, die es zum individuellen lernen braucht, dann sollten sie den Lehrer darauf ansprechen! Wenn sie sich aber Sorgen machen, dass Ihr Kind die Aufgaben und Hinweise die es im Unterricht bekommt, nicht schnell genug umsetzt, so möchte ich gerne jeden beruhigen, ich habe noch keinen Schüler gehabt, der nicht begabt war, es ist einfach jeder ANDERS BEGABT. Ich freue mich aber zum Beispiel immer, wenn mir Eltern oder die Schüler selbst Rückmeldungen dazu geben wie gut sie mit den erhaltenen Aufgaben und Hinweisen (die ich ihnen im Unterricht gegeben habe) zurrecht gekommen sind. Neben meinen eigenen Beobachtungen im Unterricht, helfen mir solche Gespräche den Unterricht noch individueller anzupassen. Es ist nicht nur so, dass ich den Schülern etwas beibringe, jeder Schüler bringt auch mir etwas bei!

In diesem Sinne wünsche ich allen viel Spaß am lernen! :-)

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